Limnoterra
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Bildergalerie Bäume in Stuttgart

Kontext

Bäume sind ein bewegendes (Wanderbaumallee), wichtiges (Stadtbäume) und auch
von der Stadtverwaltung in Stuttgart (Baumkataster), wie auch anderen Städten, viel beachtetes Thema. Stuttgart ist eine grüne Stadt. Der Stellenwert von Baum-pflanzung und Dachbegrünung wurde längst erkannt.

Dennoch erscheinen zu dem Komplex Baumpflanzung-Klimawandel-Nachhaltigkeit ergänzende Überlegungen sinnvoll, die das Thema vom
 

  • öffentlich-politischen (...mehr Grün, mehr Bäume, Stadtbäume retten...)
  • gärtnerisch-planerischen (...schmale Krone, ornamental...)
  • stärker in den ökologischen Bereich (ökologische Prinzipien & Stadt)
     

erweitern. Dies vor dem Hintergrund, dass Vegetation der Stadt von Planern, Archi-tekten und Stadtverwaltungen als grüne Infrastruktur wahrgenommen wird. Ein Ei-genleben wird zwar vermutet, aber selten toleriert. Welcher Architekt/Planer lässt sich schon gerne seine Gestaltungsautonomie - zumal von Pflanzen! -beschneiden.

 

Die allgemeine "Problemanalyse Stadtbaum" ist abgeschlossen. Die Frage, wie das Miteinander, etwa von Menschen, Haustieren und Bäumen in der Großstadt verträg-lich gelingt, offen. Die Vorschläge von National Geographic und BUND-Baumexper-ten, Anwohner-Gießgemeinschaften für Bäume zu bilden, kein Streusalz zu verwen-den, den Hund nicht immer an den selben Baum pinkeln zu lassen, das Fahrrad wg. Rindenschäden nicht an einen Baum zu ketten und die Baumscheibe einzusäen, zie-len auf kollektives Wohlverhalten und zunehmendes Verständnis für die Lebensum-stände eines Baumes.

 

Durch räumliche Restriktionen, wie Ver-sorgungsleitungen, Verkehr u.a., werden Bäume nur noch auf wenigen Eignungs-flächen gepflanzt. Was Wunder also, daß die Flucht in die architektonische Vertika-le, zunehmend attraktiv erscheint. Auch die Idee mit horizontalen 1,4-Meter-Ligu-ster-Bäumchen Klimawandel-Anpassung betreiben zu können, wird im Bioökono-mie-Gleichklang medial zelebriert.

Technische Lösungen eines Nebeneinan-der - Versorgungsleitungen und richtigen Baumwurzeln/ richtigen Bäumen - gibt es, finden sich aber in keinem Stuttgar-ter Konzept.

 

 

In diesem Zusammenhang wird auch die weit verbreitete Auffassung hinterfragt, Na-tur in der Stadt bedürfe laufend unserer Hilfe, andernfalls in Hitzesommern alle Bäu-me verdursten würden.

 

Welche Einzelmaßnahmen die Landeshauptstadt Stuttgart zur Anpassung an den Klimawandel heute präferieren soll, ist hier nicht Gegenstand. Hingegen wird ver-sucht, allgegenwärtige, leider nur scheinbar plausible Positionen, die laufend im Zu-sammenhang mit "Grün in der Stadt" geäussert werden, zu relativieren. Nur nach deren Entzauberung wird man auf eine Diskussionsbasis gelangen, die nicht laufend Nischenprodukte hypt (parteiübergreifendes Phänomen), sondern sich endlich auf nachhaltigen und flächenwirksamen Klimaschutz fokussiert.
Interessanterweise funktioniert genau das, was alle unbedingt schützen wollen und gar nicht in der Stadt vermuten - die Natur - um einiges besser als Techno-Grün.

 

Der Nachteil: Natürliche Gehölzaufkommen pfeifen auf unsere Geschäftsideen und Gestaltungsambitionen, würden aber gerne die ganze Stadtgesellschaft - nicht allein städtische Ämter & Gärtner - mit einer ungewöhnlichen Zukunftsaufgabe betrauen.

 

Epitaph

 

„Vor unserem Haus wuchs ein schöner, gesunder Blauglockenbaum, der Vögeln und Stadtbienen Unterschlupf und Nahrung bot – heute wurde er gefällt….


Wenn ich den Baum vor unserer Haustür nicht retten kann, wie soll ich verhindern, dass im Amazonasgebiet Bäume fallen.“ (J. G. Diaz, Stuttgart. Die Zeit 12.3.2020).

 

 

 

 

 

 

Vielen Baumarten in Stuttgart sagt das Klima zu

 

Für die mittlerweile überall in Stuttgart (und anderen Städten sowie jedem Auto-bahnmittelstreifen) spontan etablierten Gehölzneophyten Götter- und Blauglocken-baum, Eschenahorn und Robinie sind weder Risikoanalysen mehr angezeigt, noch lassen sich diese Arten heute noch zurückdrängen.1

Man sollte sie akzeptieren2 und ihre weitere Ausbreitung als natürlichen Prozess anerkennen. Unter Umständen sind solche Arten ein wichtiger Mosaikstein bei der Anpassung an strukturell degradierte, versiegelte und versalzte Böden und den Klimawandel in der Stadt.

Baumkataster und Statistiken, welche die Baumarten in Stuttgart und anderen Städten bilanzieren, erfassen die nicht heimischen Baumschösslinge (keine Bäume) in Warteposition nicht. Deren Zahl übertrifft die der gepflanzten Bäume bei weitem.

Eine Baumschule könnte ihren gesamten jährlichen Bedarf an Setzlingen in Stuttgart decken (und wenige Jahre später wieder an die Stadt verkaufen).

D.h., solche ungeplanten Baumarten würden, liese man sie einfach wachsen, Stutt-gart innerhalb von 20 Jahren in einen halbschattigen Abenteuerspielplatz verwan-deln. Ob sie das dürfen, interessiert sie nicht die Bohne.

 

Niemand käme auf die Idee diese Gehölze mittels grüner Plastikgießkannen, oder Gießfahrzeugen "Weltklima in Not - Stuttgart (gießt) handelt" und computergesteu-ertem Gießfahrzeug-Fahrtenprogramm mit Wasser zu versorgen. Sie sind kein Pfle-gefall wie der Wassersack-Baum nebenan - sie wachsen einfach. Warum eigentlich?

Ökologie und nachhaltige Klimawandelanpassung - das alles steckt in der Antwort.

Darf es eine Spur wilder sein?

 

Im Gegensatz zu überall gepflanzter Baumschulware mit unangepasstem Wurzel-
ballen, brauchen die ungewollten Bäume keine Wassersäcke, weil sie ihr Wurzelsys-tem direkt am extremen Keim- und Wuchsort entwickeln³ und mit Hilfe einer ausge-klügelten Sensorik dort Wurzeln hinschicken, wo Wasser ist. Bei Stadtplanerinnen
Architektinnen/Stadtverwaltung/Gemeinderat/Umweltschutzämtern- und -verbänden kein Thema. So wurden und sind Bewässerung und Baumschulbäume alternativlos. 


Zweifellos ist es eine freundliche Geste von Firmen, Versicherungen, Banken u.a., Bäume zu verschenken. Dennoch sollten bei Pflanzungen in Städten nicht Sorten-kataloge, publicity und "Hauptsache geschenkt" die bestimmenden Kriterien sein.

 

Beispiel: Der Amberbaum

Neben dem Amberbaum aus Auwäldern Nordamerikas säumen weitere fremdländi-sche Arten wie Rot-Ahorn & Manna-Esche die Straßen (Beispiel Am Kräherwald).

Es handelt sich dabei, wie bei den spontan in Stuttgart aufkommenden Baumarten  um Neophyten4, genaugenommen aber um kostenintensive Neophyten.

 

 

Ökologischer Wurzelabdruck?

 

Sind Gedanken über den ökologischen Wurzelabdruck aufgepäppelter, mehrfach umgepflanzter, transportierter und dauerhaft bewässerter Bäume & Horizontalbäume in Klimawandelzeiten völlig abseitig? Eschenahorn und Blauglockenbaum brauchen lediglich Platz und Versickerungsmulden (Wasserretention) und vor allem Bewohner, Garten- und Friedhofsämter, Stadtplaner, Architekten, die mit einer solchen kosten-losen Ressource umgehen mögen/können. Gehölzbestände schaffen interessante und lehrreiche Formen von Natürlichkeit in der Stadt, wie man überall sehen kann.

Denkt man nur noch an hipp-gestaltete und zu bewässernde Grünfassaden, in die Horizontale gezwungene Bäumchen5, Klimabäume, Computer-gesteuerte Gießinfra-struktur und Aktivisten-Bonus, sieht man freilich den Wald nicht, der darauf wartet - ganz ohne unser zutun - zu wachsen.


Der nachstehend näher beschriebene Chinesische Götterbaum hat es mittlerweile in die Unionsliste hoch-invasiver Arten geschafft. Die kritische Einschätzung ist nicht falsch, kommt aber leider 100 Jahre zu spät. Vor Invasionen schützt man sich, bevor deren exponentielle Ausbreitung beginnt. Dies gilt auch für exotische Baumarten, die wir heute überall pflanzen/freisetzen. Über deren Ausbreitung wiederum, dürfen sich dann unsere Kinder ärgern.


In der Stadt Natur zulassen und würdigen: für die Stadtbevölkerung die größte aller Herausforderungen.
 

Da die angesprochenen Arten von alleine in kürzester Zeit offene Flächen einnehmen würden, besteht heute weder der Zwang und schon gar keine Eile, „Zukunfts- oder Klimabäume (was ist ein Klimabaum?)“ zu produzieren und überall zu pflanzen. Derzeit wird lediglich der aus meist naheliegenden Gründen eingegangene/ungelieb-te Bestandesbaum am Straßenrand durch einen Baum südlicher Provenienz ersetzt. So wie dies i.d.R. geschieht, folgt man keinem klimatisch wirksamen Konzept, da die Restfläche auf denen ein Baum

  1. steht
  2. Wasser aufnimmt
  3. eine klimawirksame Krone entwickelt6
  4. sowie Fäkalien & atmosphärische Stickstoff-Einträge verstoffwechselt,

    wegen städtischer Siedlungsdichte i.d.R. kaum erweitert wird.

     

Haltungswandel im Klimawandel?

 

  • alte Parkanlagen unter keinen Umständen der Bebauung preisgeben
  • spontane Gehölzsukzessionen in der Stadt als mögliche Option, mit  sich daraus ergebenden (persönlichen) Konsequenzen, begreifen
  • lernen, spontane Vegetation in gebaut/versiegelte Strukturen einzubin-den (z.B. in lokale Oberflächenabfluss-Einzugsgebiete wie Marienplatz, Pariser Platz)
  • etwas lernen, über Gehölz-erhaltende Infrastruktur; damit Baumbe-stände alt werden können
  • Vegetation in der Stadt immer in Zusammenhang mit lokalen Wasser-ressourcen (Niederschlag & Einzugsgebiet - nicht Bodensee!) denken
  • über die Sorge, Gärtnerinnen wären damit ihrer Verdienstgrundlage be-raubt, nachdenken. Statt mit der permanenten Nachlieferung/Pflanzung und technischem Erhalt von Stadtgrün, wird u.a (dies ist kein Plädoyer gegen Tulpenbeete) mit gelingenden ökologischen Konzeptionen Geld verdient
  • die Vorstellung, dem Klimawandel aktiv zu begegnen gelänge risikofrei, etwa nach dem Motto weiter wie bisher - nur ein bisschen mehr, über-
    denken.

1     Bis zur Mitte dieses Jahrhunderts werden durch globale Handelsströme tausende weitere Tier- und Pflanzen-
       arten in Mitteleuropa einwandern. Im Gegensatz zum Zauberlehrling, bei dem ein Zauberspruch genügte,
       dem Treiben Einhalt zu gebieten, werden verstärkte Eindämmungsmaßnahmen, angesichts unserer einsti-
       gen und heutigen Ahnungslosigkeit - es wird alles gepflanzt, was der Markt, bzw. das grüne Werbebudget
       hergibt - bestenfalls zu einer moderaten Verlangsamung der Pflanzen-  und Tierinvasionen beitragen. 

2    Es lässt sich problemlos entscheiden, wo  - etwa wegen zu erwartender Schäden an Gebäuden - gerodet
      werden muss. Man könnte zur Frage Erhalt ja/nein die Anwohner befragen „Darf der das“  und erhält so ein
      quartierbezogenes Stimmungsbild, ob Klimaanpassung oder Parkplätze bevorzugt werden, ohne dass die
      Stadtverwaltung sich dem Vorwurf aussetzt, Anwohnerwünsche zu ignorieren. Moderieren statt bestimmen.

3     Forscherinnen, die aufzeigen, dass etwa Südost-europäische (u.a.) Baumarten in Deutschlands Städten  
      besser performen als einheimische, vergleichen in der Regel Baumschulware und kaum sich vom Samen bis
      zum ausgewachsenen Baum entwickelnde heimische Baumarten, also solche, die neben einem (städtischen)
      Adaptationsprozess auch einen Ausleseprozess durchstanden haben.
      Nun sind  schnelle Anpassungsschritte der Städte und Gemeinden an den Klimawandel zweifellos begründet,
      aber warum fokussiert man auf nur zwei Alternativen (Baumarten/Bewässern) mit erheblichen Nachteilen?

4    Spätestens, wenn diese Gehölze reichlich fruchten, werden sie sich ebenso unkontrolliert über das Stadtge-        biet ausbreiten, wie heute Blauglockenbaum, Götterbaum und Eschenahorn, die dafür über 70 Jahre Gele-
      genheit hatten.

      Welche Schlüsse sind daraus zu ziehen und wie zeitgemäß sind die vielen Bekämpfungsanleitungen für neo-
      phytische Gehölze, wenn die meisten als „Klimawandel-Zukunftsbäume“ von 
der Forstwirtschaft bereits
      gesetzt und die Arten ohnehin in jeder Baumschule erhältlich sind?

      Vor baumlosen Steppen muss man sich in Baden-Württemberg nicht fürchten, weder in der Stadt, noch auf
      dem Land. Vor dem unbedingten Willen zu gestalten schon.

5    Wenn wenige Quadratmeter vertikales Grün und - bis zum Schneebruch - horizontal wachsende Bäume
      mehrere zehntausend Euro kosten (Daten s. Lokalpresse) ist zu fragen, ob eine solch seltsame Ökologisier-
      ung des Bauens nicht zur reinen Statuspflege geriert, zum Prestigeobjekt einer Bevölkerungsgruppe, die ihr
      grünes Gewissen weithin sichtbar demonstriern will (H. Rautenberg; Die Zeit 11.2.2021). 
Wie lang dürfen
      Bäume horizontal wachsen, bis sie selbst und ihre Aufhängungen kollabieren? Sind die aus Stabilitäts
      (Gewichts)gründen kleinen Krönchen relevant für das Stadt-Klima?

6    Etwa: Platanen mit einer quadratisch zurechtgestutzten Krone, damit eine architektonisch be-
      deutsame Fassade nicht verdeckt wird, oder weniger lästiges Laub anfällt, dokumentiert Gestal-
      tungswillen/städtische Ästhetik - mehr aber nicht. Da Bäume ohne Krone nicht wachsen (der
      ideale Architekten- und Stadtplanerbaum), binden sie weder nennenswert  CO2, noch erreicht
      ihre Transpirationskühlung ein wirksames Niveau.

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