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Grünland

100 Jahre Wiesen und Weiden

„Nicht die Tatsachen verwirren die Menschen, sondern die Lehrmeinun-gen über die Tatsachen“ (Epiktet; Gams 1918).

 

„Ja, manche wechseln ihr Aussehen mit der Witterung so sehr, dass man sie in dem einen Jahre z.B. als Glatt-hafertyp, im nächsten dagegen viel-leicht als Schwingeltyp ansprechen müsste“ (Knoll 1932).

 

„Sobald wir sie uns genauer ansehen, erkennen wir, daß keine ganz der anderen gleicht“ (Ellenberg 1952).
 

 

 

„Außerhalb der Gesellschaftssystematik und von ihr unabhängig stehen die auf [...] Graswirtschaft zugeschnittenen [...] Wiesentypen“ (Braun-Blanquet 1964; S. 113).

 

Vegetationskarten, Klimakarten, auf denen die Abgrenzungen so scharf gezogen sind, wie auf politischen Karten, entsprechen nicht der Wirklichkeit, sondern kom-men nur dem Ordnungssinn des naturfremden Menschen entgegen“ (Walter 1986).

 

„In gleichem Maße, wie das Ansehen der Vegetationskunde in den Planungsdiszipli-nen steigt, sinkt ihr Stern in der scientific community“ (Wiegleb 1986).1

 

„Erst eine mühevolle jahrelange und flächendeckende Arbeit, unterstützt durch die im Gedächtnis gespeicherte Erfahrung, kann schließlich zu einem benutzbaren Sys-tem als Grundlage aller weiterführenden Fragestellungen führen“ (Oberdorfer 1988).2

 

„Die Pflanzensoziologie ist gegenüber dem Naturschutz in einer Situation, die ver-gleichbar der eines gewissenhaften Malers ist, von dem ein Gönner ein schönes Por-trät kaufen will" (Gehlken 2000).

 

„Vorherrschende Pflanzenart der Salbei-Glatthafer-Wiese ist in der Regel die Auf-rechte Trespe (Bromus erectus)...“ (Nowak & Schulz 2002).

 

„Lehren führen gewöhnlich nicht zu Einsichten, sie produzieren bloß Anhänger“ (Lütz 2015).

 

Nach pflanzensoziologischer Nomenklatur würde man sprachlich nicht besonders elegant von „mageren Fettwiesen“ sprechen“ (www.wikipedia.org/wiki/Magerrasen).

 

„Dennoch wird erst jetzt mit diesem freilandtauglichen Werk erstmals die Vielfalt der Grünlandtypen allgemeinverständlich beschrieben“ (Sturm & al. 2018).

Grünlandanalysen

Die Karte von Baden-Württemberg zeigt Bereiche (Grüne Quadrate), in denen in einhundert Wiesen und Weiden
Vegetationsaufnahmen durchgeführt wurden.

 

 

 

 

Sie repräsentieren Naturräume Süd-westdeutschlands und der Schweiz, die in Abhängigkeit von Bewirtschaftung, Standort & Artenpool eine unterschied-liche Anzahl höherer Pflanzen je 10m² aufweisen (Pflanzenarten-Vielfalt auf definierter Fläche = Alpha-Diversität).

 

 

Die Erhebungen wurden über Jahre hinweg und nicht zu einem bestimmten (Klassifi-kations)Zweck durchgeführt. Zu jeder Aufnahmefläche gibt es ein Bild (s.u.), das wenigstens dominante und auffällige Arten erkennen lässt. Darin, Arten weitgehend vollständig aufzulisten, besteht gewissermaßen die Arbeit eines Vegetationskund-lers oder einer Vegetations-Kartiererin. Die Gesamtartenzahl beträgt 165.

 

Mit der Artenliste (Vegetationsdaten) werden bestimmte Annahmen hinterfragt.3 

 

Etwa, ob es Indikatorarten gibt, oder eine Ordnung auf Basis der floristischen Zu-sammensetzung existiert. Daneben wird die Aussagefähigkeit von Zeigerwerten und die Unschärfen bestehender naturschutzfachlicher Klassifikationen des (FFH)Grün-landes thematisiert. Auch werden mögliche Verfahrensweisen zu deren Beantwort-ung hier vorgestellt. 

 

 

Frage 1: Gibt es Indikatorarten für Artenreichtum?


Der Datensatz wurde nach Artenreichtum je 10m² in drei Klassen eingeteilt; gering (bis 15 Arten), mittel (16-25 Arten) und hoch (26-40 Arten). Mit Hilfe der INDVAL-Prozedur  (Präsenz-Absenz) wurden am reduzierten Datensatz4 Indikatorarten für eine hohe (s.o.) Blütenpflanzen-Vielfalt ermittelt. Davon sind die ersten fünfzehn in der Tabelle (s.u.) gelistet. Da diese Klassifikation nicht unabhängig von den Arten selbst sein kann, ist der Signifikanzwert leicht verzerrt.

Weitgehende Übereinstimmung der Ergebnisse besteht hinsichtlich der
 

  • Verteilungseigenschaften mit dem Grünlandmonitoring Bayern 2015
  • mit den Arten assoziierten „floristic diversity“ (Grime & al. 1990. Beachte das hierbei wei-ter gefasste Lebensraumspektrum sowie das Fehlen mancher Arten im UCPE - Unit of Comparative Plant Ecology - Untersuchungsraum)
  • Liste der Zielarten für artenreiches Wirtschaftsgrünland (Ruff & al. 2013. Beachte  hier-bei den Ausschluss der Gräser)

 

Bereits vorhandene Ansätze zur Grünlandbewertung können durch die Berücksich-
tigung der Indikatorqualität (INDVAL-Index; Signifikanzniveau) wissenschaftlich fun-diert, verbessert und in Unkenntnis der zukünftigen Vegetationsentwicklung flexibili-
siert werden.

Frage 2: Welche Muster zeigen die floristischen Daten der Wiesen?

 

Ordination der Aufnahmen & Arten

 

Im einfachsten Fall braucht es dafür Artenlisten (1/0: Art vorhanden/nicht vorhanden) und Kenntnis der Örtlich-keiten, an denen die Listen erstellt wurden. Zwar kann man selbst für eine Zusammenstellung der Aufnahmedaten sorgen, nur nimmt man damit Ergebnis-se vorweg und ignoriert unerwartete.

 

Die numerischen (hier: DCA)5 Verfah-ren der Ordination legen die in den Daten vorhandenen Strukturen offen.

 

 

 

Die Zusammenhänge veranschaulicht dabei ein Diagramm. Es reduziert den 100di-mensionalen Aufnahmenraum (für die Arten) und den 99dimensionalen Artenraum (für die Aufnahmen), auf zwei Dimensionen. Die Achsen des Koordinatensystems stellen vielfach sich überlagernde Gradienten dar, die Teile der gesamten Variabilität auf sich vereinen. Ihre Aufgabe ist es, den Datensatz in 2D maximal zu spreiten. Daneben sollen sich robuste floristische Strukturen zeigen.

 

  • Offensichtlich können 100 Aufnahmen und 99 Arten in einer Darstellung untergebracht werden, was einiges Kopfzerbrechen erspart
  • Ganz rechts im Diagramm erkennt man Arten des vergleichsweise niederschlagsreichen und silikatischen Schwarzwaldes. Indikatorarten für höchste Artendiversität (s. Liste; Ergebnis zu Frage 1) stehen in der oberen Diagrammhälfte

 

Was zeichnet die Arten in der unteren Diagrammhälfte aus? Gibt es noch weitere Gemeinschaftsstrukturen? Hinterliegt den Achsen standörtliche Bedeutung?

Auf solche Fragen gibt eine Ordination von (ausschließlich) Arten keine Antwort; vielmehr hilft sie weiterführende Hypothesen zu bilden, die wiederum unabhängig zu testen sind. Die Begründung für eine solche Vorgehensweise ist, dass man nicht ver-breitete Meinungen und vertraute Ansichten zum x-ten Male bestätigt, sondern reale floristische Muster - die einen in ihrer Prägnanz, andere in ihrer Unschärfe - betrach-ten lernt.

 

Die weiterführende Frage, wo die Pflanzen-Diversität von Grünland herrührt, bedarf der räumlich sinnvoll skalierten Betrachtung von wenigstens drei Faktorenkomplex-en. Bewirtschaftung, Standort (Boden- & Klima) und Artenpool/Artenausbreitung in der Umgebung.

Frage 3: Wie variabel ist die Artenzusammensetzung in extensivem
              Grünland?

Schaut man sich die Bilder der Aufnahmeflächen Nr. 65, 66, 67 an, erkennt man eine zentrale Dauerflächenmarkierung. In den Jahren 2015, 2020, 2021 wurde der Artenbestand auf den Flächen erfasst und die Artähnlichkeit nach Jaccard berechnet. Die Berechnung (a = Zahl gemeinsamer Arten; b und c = Arten, die nur jeweils in einer der Aufnahmen vertreten sind. Die Doppelnull-Situation, d.h. eine Art fehlt in beiden Aufnahmen, wird in sog. asymmetrischen Koeffizienten nicht gewertet) und Interpretation ist einfach.

Sind bei der Aufnahme zweier Aufnahmeflächen (F) die Hälfte der Arten (A) iden-tisch, so beträgt der Ähnlichkeitsindex 0,50 oder 50%, bei einem Drittel nur noch 0,33 u.s.f..

Von jeder Einzelfläche liegen nach drei Jahren drei Artenlisten vor. Es sind damit drei Vergleiche der Artähnlichkeit möglich. Bei drei Flächen kommt man auf 9 Vergleiche, berücksichtigt man nur die identischen Flächen.

 

Die Artenzahlen der Flächen waren 33, 33, 31 (65) 27, 32, 25 (66) 22, 22, 25 (67). Nur bei der mittleren Fläche gibt es höhere Schwankungen der Artenzahl. Die mitt-lere Jaccard-Ähnlichkeit (n = 9) beträgt 0,63.

D.h. durch permanenten Artenwechsel sind die kleinen (Scale!3) Flächen im Mittel nur zu 2/3 selbstähnlich. Sollte ein Wert dieser Größenordnung der üblichen Varia-bilität (Witterung; Ein/Auswanderung) in Grünlanddaten entsprechen (vergleichbar etwa Bakker & al. 2003,  Chytrý & al. 2001 u.a.m.), ist zu fragen, welche Bedeutung (auch statistisch signifikanten) Unterschieden von

  • Artenzahlen
  • Artidentitäten

- jedenfalls bei Einfachvergleichen - zukommt. Durch Vernachlässigung von Varia-bilitätsbetrachtungen im klassifikationsorientierten angewandten Natur- und Um-weltschutz tut man sich - bei aller gebotener Notwendigkeit zur Vereinfachung - keinen Gefallen. Ohne Kenntnisse der Fluktuation in Wiesen, versteht man das System nicht (s.u.). Die Aussagen beziehen sich auf den Scale 10m².3 

Frage 4: Wiesen & Weiden (Kulturformen) klassifizieren?

Von wenigen Ausnahmen abgesehen, handelt es sich bei Wiesen-Kräutern & Wiesen-Gräsern um sogenannte ausdauernde Oberflächenpflanzen (Hemikryptophyten) mit um den intermediäreren Typ (CSR) liegender CSR-Strategie (Grime 1977), während bei produktiv-artenarmen Beständen CR-Strategen, wie Stumpfblättriger Ampfer oder Wiesen-Kerbel hinzutreten.

 

  1. Im vom Menschen geprägten Wiesen-Lebensraum, der durch den prägenden, „Hemikryptophyten-fördernden Faktor Mahd“ charakterisiert ist, entfalten die in naturnaher Vegetation wesentlichen Pflanzeneigenschaften/Strategietypen kaum weitreichende Wirkung. Dies liegt daran, dass viele Grünlandpflanzen ihr Potential hinsichtlich Größenentwicklung/Typische Altersmorphologie in be-wirtschaftetem Grünland nicht zur Geltung bringen können (sonst wäre es kein Wirtschaftsgrünland, sondern eine Brache).

  2. Anders ausgedrückt, bei im Juni gemähten Wiesen mittlerer Standorte wird dauerhaft eine - für die Arten unfreiwillige - hohe funktionale Redundanz er-zwungen, wonach die hohe Artenzahl, neben der Austauschbarkeit6 der Arten, im Grunde nur auf dem engen Spektrum (hinsichtlich Konkurrenz) unvollstän-
    dig w
    irksamer, durchaus aber fein austarierter morphologisch-physiologischer Anpassungsprozesse beruht.

  3. Der Begriff Prozess impliziert den Faktor Zeit (bestimmt durch Mahdhäufig-keit), innerhalb der die Pflanzen ihre Spielräume, im Falle gleichbleibender Nutzung v.a. in Abhängigkeit der Witterung (Zufall kommt ins Spiel), nutzen. Daher sehen Bestände jedes Jahr etwas (v.a. nach Dürre) anders aus.

 

Vielfalt verringert sich bekanntermaßen innerhalb dieses Systems bei gesteiger-ter Mahdhäufigkeit (Störung) und Düng-ung (Förderung produktiver Arten), wo-bei beides meist zusammenfällt.

 

Ebenso, wie bei Unternutzung (Arten-ausschluss durch Konkurrenz) und star-ker(!) Aushagerung (Artenausschluss durch Stress).

 

Daher gibt es im Artenspektrum außer-halb der gekennzeichneten Arten im Or-dinationsdiagramm (s.o.) bei uns kein artenreiches Grünland.

 

 

Da verbreitete Nutzungsregime (Heuwerbung, Silierung, Mulchung...) auf der gan-zen Fläche definiert und im Unterschied zur Weidenutzung in ihrer Intensitätsbreite und Selektivität viel einfacher eingrenzbar (beschreibbar) sind, lassen sich bestim-mte floristische Vegetations- und Nutzungstypen unterscheiden.

 

(Dauer)Weiden hingegen sind heterogen und über mittlere Eigenschaften kaum fassbar.

Variabilitätsmaße oder die Beta-Diversität (Vergleich der Artenlisten von verschie-denen darauf untersuchten Flächen) sind dafür besser geeignet. Wie definiert man ein Objekt, dass schützenzwert ist, sich aber durch seine vielfältigen Ausprägungen einer einfachen Beschreibung entzieht?

 

Lösen sich Wiesen-Nutzungssysteme auf, oder werden durch episodische Dürren und hinzutretende Arten latent und dauerhaft modifiziert, gelingt es bestehenden Klassi-fikationen zwar noch die Bestände irgendwo einzuordnen, aber nicht unbedingt öko-logisch befriedigend abzubilden.7

Frage 5: Standort und Zeigerwerte im mittleren Grünland?

 

a) Blütenpflanzen

 

Bei der ökologischen Kennzeichnung eines Lebensraums wird häufig auf Pflanzen-arten hingewiesen, von denen eine enge Beziehung zu Standortfaktoren (Feuchte, Reaktion, Stickstoff...) angenommen (z.B. Pflanzen-Zeigerwerte n. Ellenberg) wird.

Aus der Artenzusammensetzung einer Vegetationsaufnahme können mit Hilfe von Zeigerwerten (Ellenberg & al. 1992) der aufgefundenen Pflanzenarten über deren einfache oder gewichtete (Mengenwichtung: hier 1-5) Mittelung sog. Bestandeszei-gerwerte berechnet werden. Diese geben einigermaßen plausible Hinweise zu den mittleren Standortverhältnissen am Wuchsort.

 

Problematisch sind allerdings Hinweise auf einzelne Arten, die der Einfachheit halber gerne als Beleg für eine aktuelle Standorteinschätzung angeführt werden.

 

Die Bedeutung auch dominanter Arten mit  niederen bzw. hohen Zeigerwerten (s. letzte Grafik) wird in artenreichen Grünlandbeständen "herausgemittelt". In arten-armen Beständen (Fazies) und Dominanzbeständen, wie sie bei Verbrachung ent-stehen, gewinnen sie numerisch an Bedeutung. Im späten Brachestadium (Aufrechte Trespe, Rotschwingel, Weißes Wiesenlabkraut, Raues Veilchen, Wiesen-Sauerampfer) werden die angedeuteten Trends (s.o.) der Bestandeszeigerwerte fortgesetzt (F 4,2; N 3,5, R 7,3), ohne dass sich die Standortbedingungen maßgeblich geändert hätten.

 

 

b) Moose

Zeigerwerte differieren zwischen 3 und 5 Stufen.

In regulär bewirtschaftetem mittleren Grünland finden sich in der Regel wenig (<10) Moosarten. Prägnant trockenes, nasses, silikatisches und kalkreiches Grünland weist eine unterschiedliche Moosflora (Artenzusammensetzung) auf.

 

Die Moosdeckung steht meist in direk-tem Zusammenhang mit der Lückigkeit des Bestandes (Lichtstellung).

 

 

Auf Muschelkalk (= flachgründig) findet man beispielsweise in einer Salbei-Glatt-hafer-Wiese folgende Arten.

 

 

 

Auffällig auch hier (s.o.), individuelle Zeigerwerte, die unterschiedliche Standort-bedingungen hinsichtlich Feuchte und Nährstoffverfügbarkeit (trocken bis feucht; nährstoffarm bis nährstoffreich) kennzeichnen. Für manche erscheint es nun nahe-liegend auf über das Jahr wechselnde Standortverhältnisse (wechseltrocken) zu schließen.

 

Zutreffend?

 

Vielleicht erfüllt ja die Streuauflage, den für das Spießmoos (Cc) erforderlichen Feuchtebedarf (etwa: länger am Wuchsort verbleibende Taufeuchte), während Sei-den- und Thujamoos (Hl, Tp) vielleicht (reliktisch) auf das ehemals bessere Ab-räumen des Mähgutes hindeuten.

 

In diesem Fall hätten Moose mit Standortfaktoren i.e.S. wenig zu tun und ihr spezi-fischer Mikrostandort wäre in erster Linie nutzungsabhängig. Nutzung und Moos-Mikrostandort sind kaum zu trennen. Umso wichtiger ist es, Standortfaktoren aus Sicht der jeweiligen Artengruppe (Skalenebene) zu betrachten.

 

Die Beispiele zeigen, bedeuend die Bewirtschaftung des Grünlandes im Beispiel die Mahdhäufigkeit, weniger die Düngung - im Hinblick auf die floristische Zusammen-setzung ist. Gewissermaßen verblasst im mittleren Grünland die häufig überstrapa-zierte 'Zeigefunktion' einzelner Pflanzenarten vor dem Nutzungshintergrund.

 

 

Frage 6: Wie erfolgt die Einschätzung von Naturschutz(FFH)-Grünland?

In Deutschland (Europäische Union) besteht der berechtigte Wunsch artenreiches
Grünland zu schützen. Im einfachsten Fall erfolgt die Erfassung (Bundesländer) im Zusammenhang mit Agrarumweltprogrammen über einfache Kennartenlisten. Beim nach EU geschützten Grünland (hier: Lebensraum-Typ 6510) ist die Abfrage dreier Kriterienkomplexe zur Ermittlung des sog. Erhaltungszustandes (A, B, C) bindend.

 

Es sind:
Arteninventar(1), Habitatstruktur(2) und Beeinträchtigung(3).

 

Die Bezeichnung des Lebensraumtyps 6510 wurde in den letzten Dekaden immer wieder verändert; von Mageren Flachland-Mähwiesen → Extensive Mähwiesen der planaren bis submontanen Stufe → Mageres Grünland des Flach- und Hügellandes (besonders artenreiche Ausbildungen).8

 

Die Operationalisierung der Erfassung (Bundesländer) differiert ebenso.

 

Mastiges Intensivgrünland (li oben) - Wiesenbrache schlechter Lichtstellung (re unten). Schaf- & Rinder- weiden und in der Mitte das Naturschutzziel. Artenzahl je 10 m².

So erfolgt die Trennung zwischen Glatt-haferwiesen (Verband Arrhenatherion) und Kammgrasweiden (Cynosurion) in den einzelnen Bundesländern unter-
schiedlich streng.9

 

Ist die Habitatstruktur Schlüsselkriteri-um, oder Artenzusammensetzung bzw.
Artenzahl? Kriterienlisten der Bundes-länder nennen mal das eine, mal das andere an erster Stelle.

 

Manche Bundesländer definieren eine erforderliche Mindestanzahl an Lebens-raum-typischen Arten, wobei sich die Umfänge zugrundegelegter Artenlisten
unterscheiden. Auch hier leidet die Vergleichbarkeit.

 

 

 

Die naturschutzfachliche Beurteilung des Grünlandes erfolgt außerdem über sog. Magerkeitszeiger (vgl. 5), aber auch in einer erweiterten Form, den wertgebenden Arten (Magerkeitszeiger + andere Arten).

 

Als untypisch bzw. negativ (z.B. Stickstoffzeiger; vgl. Glatthafer b. Frage 5) für den Lebensraumtyp geltende Arten bestimmen in manchen Bundesländern den Grad der Beeinträchtigung (Kriterium 3), in anderen Bundesländern werden solche Arten dem Gesichtspunkt Arteninventar (1) zugeschlagen. Bis zu 50% Deckungsanteil an 'Stör-zeigern' (z.B. Kanadische Goldrute, Ackerkratzdistel...!) sind bei der Erfassung des LRT 6510 bisweilen noch erlaubt. 

 

Zur Operationalisierung der Erfassungs- und Beurteilungskriterien finden sich - auch nach BfN (2017) - Festlegungen der Gräser- und Kräuterdeckungen sowie Anteil der Obergräser, also Kriterien, die nach jährlicher Witterung und dem ersten, zweiten oder gar dritten Aufwuchs stark variieren.

 

Auch wird versucht, Zeigerarten für den (auf komplexen Entscheidungen beruhende) Erhaltungszustand einer Wiese herauszuarbeiten. Da der Erhaltungszustand bis auf wenige Ausnahmen aber immer um die Artendiversität kreist, funktioniert auch das.

 

 

Artenzahlen von neun (s. Zielscheibe) artenreichen Wiesen, von denen einige über Zusatzkriterien von der Erfassung ausgeschlossen werden können.

Fazit: Verluste und Gewinne des Lebens-
raumtyps können zwar in den einzelnen Bundesländern (und der BRD) bilanziert
werden. Was aber nun genau erfasst wird, dürfte sich von Bundesland zu Bundesland deutlich unterscheiden. 

 

 

Grund für differierende Aufnahme- und Bewertungskriterien, sind u.a. auch un-terschiedliche vegetationskundliche Tra-ditionen und kaum Bereitschaft, diese für das recht überschaubare Deutsch-land zu relativieren, um Monitoring end-
lich zu harmonisieren.

 

 

 

 

 

 

 

Wozu unzählige wissenschaftliche Artikel und Lehrbücher, ignoriert man diese beim entscheidenden Beurteilungs- und Umsetzungsschritt wg. föderalstaatlichem Gestal-tungsprinzip.10

 

Unabhängig von der unterschiedlichen Aufnahmepraxis, sind bei wiederholten Auf-nahmen Veränderungen diagnostizierbar. Für die rd. 150.000 ha (>1/3 davon in

Baden-Württemberg) des Lebensraumtyps 6510 in der Bundesrepublik Deutschland, wird ein ungünstig-schlechter Erhaltungszustand angegeben (BfN 2020).

 

 

1

Wiegleb, G. (1986): Grenzen und Möglichkeiten der Datenanalyse in der Pflanzenökologie.  Tuexenia 6: 365-377. Download als pdf.

2

Falls es so ist, passt es dann zum a) Bedarf und b) heutigen Lehrbetrieb an Universitäten/Hochschulen? 

3

Die Daten wurden weder repräsentativ (geeignete Stratifikation) noch völlig zufällig (randomisiert) er-hoben, die Zahl der Untersuchungseinheiten ist gering und die Resultate nur für die gewählte Flächen-größe gültig.

4

Ein- und Zweifach-Vorkommen. Seltene Arten sind zwar häufig gute Standortzeiger, auf Grund ihrer
Seltenheit werden sie aber für die praktische Bioindikation kaum Bedeutung erlangen. Reduzierter Arten-Datensatz für Zeigerartenanalyse und Ordination n = 99.

Detrended Correspondence Analysis (DCA). Die Verwendung best. Verfahren hat i.d.R. etwas mit per-sönlichen Präferenzen zu tun. Die erkennbaren Datenstrukturen würden auch mit völlig anders arbei-tenden Verfahren, etwa der Nicht-metrischen Multidimensionalen Skalierung (NMS), dieselben sein. Die Achsen selbst werden aus den Artenlisten & Aufnahmenummern über ein Distanzmaß (CHI²) errech-net. Die Achsenlängen (x-Achse: 3,346; y-Achse: 3,128) kennzeichnen eine gute Auftrennung.
Trotz der verschiedenen Aufnahmeregionen erfolgt kein 
vollständiger Artenwechsel.

6

Eine räumliche Verschiebung der Arten i.S.d. Karussell-Modells (van der Maarel & Sykes 1993) findet permanent auf kleinster Skalenebene statt.

7

Wiesen und ihr Artenpool sind kulturelles Erbe. So lange Menschen in ihren Möglichkeiten beschränkt waren, konnte durch ihre sich wandelnde Kulturtätigkeit tatsächlich etwas Besonderes (man kann sich durchaus zu dem Begriff Segensreiches versteigen) entstehen. Noch bevor wir richtig erfassen, wie die artenreichen Wiesen in ihrer standörtlichen Vielfalt entstanden sind, verlieren wir sie.

8

Standort (mager) und Nutzung (extensiv) sind mitnichten gleichbedeutend. Auch verlangt dieser Grünlandtyp eine bis mehrere Nutzungen ('Futterwiesen') und ist daher im Vergleich zu anderen Grünlandtypen nicht mager. Den 'Magerrasen' gibt es ja schon. Der Begriff mittleres (mesophiles) Grünland drückt genau das aus, wodurch auf den Zusatz mager (der offenbar zur Abgrenzung von 'fettem' Intensivgünland eingeführt wurde) verzichtet werden sollte.

9

„Intensivere Beweidung oder Schnitt in kurzen Abständen bewirken eine Artenverarmung und eine gewisse Eintönigkeit der jahreszeitlichen Aspekte. Diese Verarmung ist allerdings mehr quantitativer als qualitativer Natur, so daß die Zusammenfassung der Fettweiden und Parkrasen in einem eigenen Verband Cynosurion den Mähwiesen des Arrhenatherion und Polygono-Trisetion gegenüber floristisch so schwach begründbar ist, daß er von manchen Autoren, wie Braun-Blanquet selbst, nicht akzeptiert wird“ (Müller & Oberdorfer 1983; Süddeutsche Pflanzengesellschaften Teil III).

 

Es scheint, dass auch fehlende/schwache wissenschaftliche Evidenz, wird diese nur gehörig institutiona-lisiert, kaum überbrückbare Gegensätze hervorbringen kann. Dabei möchte man nur standörtlich und regional differenzierte (floristische Kontinuität), arten(blüten)reiche Grünlandbestände für die Zukunft erhaltenEntkopplung der Umwelt- und Naturschutz(verwaltungs)praxis - die sich mit allen herum-schlagen (Landwirtschaft, Energiewirtschaft, Wasserwirtschaft, versch. Gesellschaftsgruppen...) muss, vom eher selbstreferenziellen Wissenschafts-Elfenbeinturm?


Grund zur Beunruhigung besteht aber nicht, da chatgpt weiß:

Das Monitoring des Lebensraumtyps 6510 erfolgt in Deutschland einheitlich. Der Lebensraumtyp 6510 bezieht sich auf "Magere Flachland-Mähwiesen" gemäß der europäischen FFH-Richtlinie (Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie). Das Monitoring des Lebensraumtyps 6510 erfolgt gemäß den Vorgaben der FFH-Richtlinie und den nationalen Umsetzungsmaßnahmen in Deutschland. Es gibt einheitliche Standards und Methoden, die von den zuständigen Behörden und Fachleuten angewendet werden, um den Zustand der mageren Flachland-Mähwiesen zu überwachen.

10

Administrative Praxis agiert hier stark losgelöst von einer wissenschaftlichen Vorgehensweise.
Da exzellente Wissenschaft forscht und die Niederungen der Umsetzung meist nicht kennt, muss man sich über die Entkopplung nicht wundern. Diese bleibt allerdings, angesichts der geringen gesellschaft-lichen Bedeutung wissenschaftlicher (im Ggs. zu symbolischer) Ökologie, weitgehend folgenlos.

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