Ein beliebte Strecke für einen Spazier-gang führt von der Herrenberger Alt-stadt durch das Hagtor über den Schlossbergrücken zum Kapf.
Entlang dieser Route wurden bisher rd. 300 Gefäßpflanzen1 erfasst. Die alpha-betische Zusammenschau mit Angaben zu Wegabschnitt und Blütezeit steht als Download (s.u.) zur Verfügung.
Ziel ist es, Interessierten die Herren-berger Flora näher zu bringen.
Die Untersuchung bietet Gelegenheit, Muster der Artenvielfalt vor der Haustüre zu verstehen. Daneben werden Zusammenhänge zwischen reiner Pflanzenarten-Diver-sität und Pflanzenarten-Spezifität (charakteristischen Arten) - nicht trivial & nicht abstrakt - nachvollziehbar.
Die vier Wegabschnitte umfassen zusammen knapp 4 Kilometer. Start ist die Herren-berger Altstadt mit ihrer ruderalen Flora. Weglänge rd. 740 Meter (1). Nach dem Hagtor beginnt ein Abschnitt (890 Meter) in einem älteren Sukzessionswald (2), den man in Höhe des Parkplatzes "Rotes Meer" verlässt. Hier öffnet sich die typische Kulturlandschaft des Schönbuchrandes bis zum Kapf. Der Teilabschnitt (3) umfasst 1170 Meter. Zurück (Abschnitt 4) geht es entlang ruderalisierter Wegränder, Gärten und Streuobstwiesen.
Im Gegensatz zum nahe gelegenen Grafenberg, hat der Schlossberg wenig spekta-kuläre Arten (Flora!) zu bieten. Dessen ungeachtet bietet sich hier die Gelegenheit, knapp 1/10 der in Deutschland vorkommenden Pflanzenarten kennenzulernen.2
Glücklicherweise findet sich in der Herrenberger Altstadt noch Straßen-pflaster mit breiten und tiefen Fugen.
Dieser Lebensraum ist einerseits hochgradig gestört (Tritt), stellt auf der anderen Seite den Pflanzen-Zwergen eine Fülle an Ressourcen wie Nährstoffe und Feuchtigkeit bereit. Die Flora der Pflasterritzen gleicht anderen Städten. Zweifellos ist Herrenberg aber die Hauptstadt des Gemüse-Portulak (Portulaca oleracea).
Standörtlich differenzierter Landschafts-ausschnitt (nass bis trocken), mit einer lange zurückreichenden bäuerlichen Wiesen-, Weide-, Streuobstnutzung.
Noch stark differenzierte Lebensräume und divers, aber mit bereits deutlichen Verlusten (Gründe) an Arten der his-torischen Kulturlandschaft.
Reste historischer Kulturlandschaft (Karte s. Abschnitt 2) - meist unternutzt. Relativ stark eutrophiert und ruderalisiert. Gezeigt wird eine Auswahl weißblühender Arten.
Nachfolgende Abbildungen geben Diversitäts-Muster und die floristische Spezifität der vier Wegabschnitte wieder. Daneben werden die Anteile an Holzpflanzen, Gräsern, Kräutern und Farnen dargestellt.
Der Wegabschnitt 2 (durch den Sukzessionswald) weist die geringsten Artenzahlen in der Krautschicht auf. Stadtlandschaft (1), Kulturlandschaft (3) und "Mischtyp" (4) sind hinsichtlich der Artenzahlen vergleichbar, aber nur Stadtlandschaft und alte Kulturlandschaft weisen eine hohe Spezifität (Einmal-Nennung von Arten auf einem der Wegabschnitte) der Pflanzenarten auf.
Nachvollziehbar, dass sowohl Nutzungsunterlassung (führt zu Verbuschung & lang-fristig zu Bewaldung) als auch extensive/intensive gärtnerische Nutzung in Verbin-dung mit Eutrophierung einen Schwund an Artendiversität der historischen Kultur-landschaft zur Folge haben. Der Artenreichtum der Kernstadt hängt hingegen ur-sächlich an dem Kopfsteinpflaster (Basalt, Granit, Porphyr) und der wenig ausge-prägten schwäbischen Gründlichkeit der Bewohner & der Stadtreinigung.
Samennachschub liefern die Pflanzen selbst, bzw. er stammt aus der artenreichen Stadtumgebung. Blühstreifen, die nur Unterhalt kosten (schlimm,
wenn diese aus artenreichen Streuobstwiesen herausgefräst werden) und die im Folgejahr zu Gän-sefuß-Borstenhirsen-Brachen mutieren, liefern keinen nennenswerten Beitrag zur angestammten, d.h. der
sich über lange Zeiträume entwickelten - Phytodiversität.
In eben derselben Kontinuität stehen auch die Insektenarten.
Während die Artenvielfalt der Stadtflora durch Klimawandel-begünstigte Arten in Zukunft eher noch zunehmen
wird, werden die charakteristischen Arten der
historischen Kulturlandschaft seltener - bzw. sind längst verschwunden.
Artendiversität & - spezifität ist in vielen Landschaften Deutschlands insbesondere
gefährdet. Der Schönbuchrand stellt in Folge seiner standörtlich begrenzten landwirtschaftlichen Nutzungsoptionen noch einen Refugialraum dar, was aber lediglich heißt, dass die Negativ-Entwicklung hier langsamer vonstatten geht.
1
Die Gruppe der Gefäßpfllanzen umfasst neben den Blütenpflanzen (= Samenpflanzen) auch Farne/Bärlappe. Farne wurden miterfasst. Die
Artenzahlen der Liste sind vorläufig, da bei jeder
Begehung weitere Arten gefunden werden.
2
Eine Bestimmungs-App, die eine Datenbank mit 5000 Arten bereithält - ebenso viele potentielle Irrtümer - brauchen Sie nicht. Es kommen auf
den Wegabschnitten die gelisteten Arten vor. Außer-
dem reflektiert man nur Artenkenntnisse, die man im Kopf hat, nicht mit auf Servern abgelegten.
3
„Das Aussterben von Arten in unserer Kulturlandschaft ist ein vergleichsweise
junges Phänomen.
Obwohl Klima und Extremwetterereignisse, Krankheiten, Kriege, Geistesströmungen technischer Fortschritt und ökonomischer Wandel sowie Verordnungen und vieles mehr seit über 7000 Jahren
auf die Artenvielfalt einwirken, hat das Artensterben in unserer Kulturlandschaft erst im 20. Jahr-hundert eingesetzt.“ P. Poschlod (2014): Geschichte der Kulturlandschaft. Ulmer.